| S'inscrire - FAQ - Membres - Marquer les forums comme lus - |
| |||||||
| Nachrichten, Essays & Artikel Lesestoff zum aktuellen Geschehen national/international |
![]() |
| | LinkBack | Outils de la discussion | Modes d'affichage |
| ||||
| AW: Gejagter Jäger Am ersten Weihnachtstag 1993 sandte er ein Schreiben an die Gemeindemitglieder, unterzeichnet von allen Priestern der Umgebung, in dem er die „heutige Camorra“ als eine „Form des Terrorismus“ geißelt, verantwortlich für kriminelle Delikte aller Art, Rauschgifthandel, Mord-serien, Umweltzerstörung, unheilvoll und – für die Bosse das Schlimmste – unchristlich in jeder Hinsicht. Am 19. März 1994 töteten ihn Unbekannte mit zwei Schüssen ins Gesicht, als er sich gerade auf die Morgenmesse vorbereitete. Don Peppino war zu dem Zeitpunkt 36, Roberto Saviano 16 Jahre alt. Er erinnert sich, wie ihn seine Tante weckte, indem sie ihm das Bettlaken wegzog und es aus dem Fenster hängte, wie Tausende Gemeindemitglieder an diesem Tag, als ein stilles Zeichen der Trauer und Aufruhr. Ein Mann namens Cipriano, ein Jugendfreund Don Peppinos, hatte zur Beerdigung eine kämpferische Rede verfasst, die zu halten ihm schließlich die Kraft fehlte. Eine der bewegendsten Stellen in Savianos Buch ist die, als er diesen Cipriano ausfindig macht und der ihm aus dem Manuskript der geplanten Rede vorliest, die mit dem Satz beginnt: „Wir lassen nicht zu, dass die Camorra von unserem Land Besitz ergreift und es zu einem einzigen großen Gomorrha macht.“ Er sei beileibe kein frommer Katholik, sagt Roberto Saviano. Dennoch sei das Buch auch ein später Versuch, dem furchtlosen Priester zur Seite zu stehen. Ein groß angelegter, erstaunlich weitreichender Versuch – auch weil Saviano das bigotte Erfolgsrezept der modernen Camorra sehr einleuchtend analysiert. „Die heutigen Camorristi halten sich für ganz normale Geschäftsleute und treten auch so auf – die Camorra agiert erfolgreicher denn je und ist in Kampaniens Manageretagen längst fest verankert, ob im Textil-, Bau- oder Immobiliengeschäft“, sagt er im Interview. Und das Wichtigste: Ihr Aufbau folgt modernsten Business-Kriterien. „Die Vorteile der "nuova famiglia" gegenüber der legalen Konkurrenz: Sie arbeitet schnell, steuerfrei und extrem flexibel.“ Ihre Macht sei, anders als etwa bei der sizilianischen Mafia, dezentral verteilt, sprich in der Hand vieler Clans und kleinerer lokaler Gruppen, was die gesamte Organisation weniger polizeianfällig mache und sie schneller auf Marktentwicklungen reagieren lasse. Zugleich huldigen die Clans laut Saviano heute einem bizarren Abenteuer- und Stilkult, der mehr denn je von Hollywood inspiriert ist. „Früher filmten Regisseure, wie die Mafia aussieht“, sagt Saviano. „Heute wollen Mafiosi so aussehen wie in Kinofilmen.“ Ein Clanchef baut sich ein Haus, ein exakter Nachbau der Villa von Tony Montana alias Al Pacino in „Scarface“. Einer nennt sich „The Crow“ und kleidet sich auch so. Eine nennt sich Nikita. Eine andere trägt den gleichen gelben Motorradanzug wie Uma Thurman in „Kill Bill“. So erfolgreich Saviano auftritt, so vergeblich wird sein geradezu romantischer Aufstand gegen die Mörder mit den Mitteln der Kunst wohl bleiben, denn die Camorra bleibt übermächtig, und die Zeit läuft gegen ihn, den Einzelkämpfer ohne Kanone. Als Roberto Saviano sein Heimatdorf im September 2006 besuchte und auf dem Marktplatz eine flammende Rede hielt, war sein Buch gerade erst erschienen, die Leute schauten neugierig, und manche applaudierten sogar, als er ihnen zurief, die Camorra habe in Casal di Principe nichts verloren, und an sie appellierte: „Jagt sie! Jagt sie fort!“ Als er im September 2007 erneut kam, um eine Ansprache zum Schuljahresbeginn zu halten, blieben die Geschäfte geschlossen, die Rollläden heruntergeklappt, und der Senior des Schiavone-Clans stellte sich auf den Marktplatz und sagte in jedes Mikro unwidersprochen, Saviano sei ein „pagliaccio“, ein Hanswurst, der sich doch nur wichtig tun wolle. Die Szene, vom Satiremagazin „Le Iene“ gefilmt und auf YouTube zu sehen, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Schiavones Stärke zeigen wollen, weil benachbarte Clans sie fragen, warum sie den Unruhestifter aus ihrem Herrschaftsgebiet nicht längst zum Schweigen gebracht haben. Vieles deutet darauf hin, dass die Clans sich mächtig über das Aufsehen um Saviano ärgern und nur darauf warten, bis die öffentliche Teilhabe nachlässt und weniger öffentlicher Aufruhr entsteht, wenn ihm etwas zustößt. Saviano weiß das. Aber er lebt. Und das, sagt er, sei sein größter Triumph. Seit einiger Zeit arbeitet er am nächsten Buch, das vom Kokainverkehr handelt, seinen Kanälen und Hintermännern. Und das Wichtigste: In Italien ist Saviano nach wie vor in aller Munde. Eine Theaterversion von „Gomorrha“ lief in Neapel und Rom mit großem Erfolg, die Verfilmung durch Matteo Garrone soll in Cannes ihre Premiere feiern. Und in den Medien mischt Saviano sich nach wie vor regelmäßig ein, zuletzt etwa mit einem streitbaren Artikel in „La Repubblica“ über die „Peste Silenziosa“, die „Stille Pest“ genannte Müllkatastrophe in Neapel. Darüber empörten sich alle in Italien, so sehr sogar, dass im Januar der Präsident das Militär in die Stadt schickte, um die übelsten Müllberge zu entfernen. Gut für Saviano. Denn dann wollen die Leute auch wissen, was er zu sagen hat: Dass die Camorra nirgends so gut verdient wie am Müllgeschäft, weil die öffentlichen Deponien überquellen und die Clans jeden Müll diskret annehmen und irgendwo lagern oder einbuddeln, und sei er noch so giftig. Dass im Umland von Neapel die Zahl missgebildeter Föten um 80 Prozent über dem Landesdurchschnitt liege. Dass die Region Kampanien wohl die einzige in Westeuropa sei, wo das Leben in der Stadt gesünder sei als auf dem Land. Saviano selbst darf sich relativ sicher wähnen, solange das Rampenlicht so hell ist wie jetzt. Ein paar Dinge aber bleiben für immer anders. Seine alte Recherchemethode vor Ort zum Beispiel musste er aufgeben, dafür erfährt er jetzt viel von Behörden und arbeitet eng mit Staatsanwälten, Ermittlungsrichtern und der Polizei zusammen. Die drei Carabinieri, die ihn rund um die Uhr beschatten, sind längst seine Freunde. Sie laden ihn zu sich nach Hause ein, man isst zusammen im Kreis der Familie. Am Wochenende geht Saviano selten aus, damit die drei öfter bei ihren Kindern sein können. „Darüber, dass ich lebensgefährlich für sie bin, haben sie sich noch nie beschwert.“ Ob es irgendwann besser werden kann für ihn? „Ich habe die Hoffnung, dass ich mir neue Feinde erschreiben werde, die die alten Feinde bekämpfen, und die sich dann gegenseitig neutralisieren“, sagt Saviano. Was für Aussichten. Was für ein Leben. quelle: gq-magazine.de
__________________ When I despair, I remember that all through history the ways of truth and love have always won. There have been tyrants, and murderers, and for a time they can seem invincible, but in the end they always fall. Think of it - always! |
![]() |
| Outils de la discussion | |
| Modes d'affichage | |
| |
Copyright ©2005 - 2008, Asslema Tunisie. Édité par : vBulletin® Copyright ©2000 - 2008, Jelsoft Enterprises Ltd.
SEO by vBSEO 3.1.0 |